Wie du Emotionen malen und so deine Gefühle besser verstehen kannst

Wenn wir im Reinen mit uns sind, können wir unsere Gefühle meistens gut einordnen. Wir wissen, ob wir glücklich, traurig, wütend, ängstlich oder fröhlich sind und können das auch benennen. Als soziale Wesen haben wir außerdem das Bedürfnis, uns mitzuteilen und wünschen uns, dass jemand mit uns in Resonanz geht, also unsere Gefühle wahrnimmt und darauf reagiert.

 

Leider haben viele von uns aber mit der Zeit gelernt, manche Gefühle zu unterdrücken. Wir haben erfahren, dass es Gefühle gibt, die im sozialen Miteinander erwünscht und gerne gesehen sind und dass es andere gibt, die wir besser mit uns selbst ausmachen. Wir haben erfahren, dass wir mit „negativen“ Gefühlen wie Wut, Aggression und Eifersucht auf Ablehnung stoßen.

 

Während wir zunächst damit begonnen haben, schwierige Gefühle vor anderen zu verbergen, sind wir vielleicht irgendwann dazu übergegangen, deren Existenz auch vor uns selbst zu leugnen. Vielleicht, weil sie nicht schön zu fühlen sind. Oder weil sie nicht zu unserem Selbstbild passen. Oder weil das eine sinnvolle Copingstrategie war oder ist.

 

Und doch gehört beides, angenehme wie auch unangenehme Gefühle, zu unserem Wesen und unserer Existenz dazu. Damit wir uns lebendig und vollständig fühlen, ist es wichtig, unsere Gefühle nicht zu unterdrücken, sondern sie wahrzunehmen und auszudrücken. 

 

Was aber, wenn wir eben genau das „verlernt“ haben? Wenn wir verunsichert, traurig oder wütend sind, ohne selbst zu erkennen, geschweige denn anderen mitteilen zu können, was wir mit uns herumschleppen? 

Wenn Worte fehlen, sprechen Bilder

Die Kunsttherapie eröffnet neue Wege, dich selbst auszudrücken. Du kannst innere Regungen in Form und Farbe verwandeln und so in einem Bild oder Objekt sichtbar machen. 

 

Doch wie funktioniert das? Der Hintergrund ist, dass jedem Gefühl eine Emotion zugrunde liegt. Eine Emotion ist eine innere Bewegtheit bzw. körperliche Reaktion, die durch die bewusste oder unbewusste Wahrnehmung einer Situation ausgelöst wird.

 

Das klingt kompliziert, deshalb ein Beispiel: Es kommt ein Reiz von außen, etwa ein ungewohntes und sehr lautes Geräusch. Unmittelbar reagiert unser Körper und die Muskeln spannen sich an. Daraufhin bewerten wir diese Situation, indem wir sie mit unseren bisherigen Erfahrungen vergleichen und fühlen schließlich Angst oder entspannen uns wieder. Vereinfacht gesagt sind Emotionen unbewusste Reaktionen, während Gefühle unsere bewusste Antwort darauf sind. Man kann sich das vorstellen wie bei einem Eisberg: die sichtbare Spitze sind unsere Gefühle, der riesige übrige Berg unter der Wasseroberfläche sind unsere Emotionen. 

Wenn Kleinkinder von etwas bewegt werden, zeigen sie uns das ganz deutlich: wenn sie sich freuen, tun sie das mit ihrem ganzen Körper, sie hüpfen auf und ab, glucksen und strahlen über das ganze Gesicht. Wenn wir älter werden, drücken wir uns immer noch mit unserem Körper aus, aber Worte spielen zunehmend eine wichtigere Rolle. Doch Sprache hat ihre Grenzen: jede*r von uns hat schon etwas in der Art von „Ich kann dir gar nicht sagen, wie wütend mich das macht“ gesagt. Denn auch wenn wir ein Gefühl identifiziert haben, können wir es mit Worten allein oft gar nicht stimmig ausdrücken.

Ein neuer Weg, um Emotionen auszudrücken...

In der Kunsttherapie kannst du dich wieder unverfälscht, authentisch, körperlich ausdrücken. Während du malst, zeichnest oder formst, kannst du deinen Emotionen ein Ventil geben. Deine Hand wird von deinen Emotionen selbst bewegt.

 

Du kannst ihnen nachspüren, in deinen Körper hineinhorchen und wahrnehmen: Wie spürt sich das in meinem Körper an? Wo kann ich es spüren? Ist meine Empfindung weit oder eng, warm oder kalt, erstarrt oder weich fließend usw. 

 

Emotionen werden sichtbar und du hast schließlich ein materielles Bild deiner inneren Bewegtheit vor dir. Du hast nun viele, zuvor großteils unbewusste Informationen gewonnen, mit denen du dich jetzt, im Dialog mit deiner Gestaltung, bewusst auseinandersetzen können.

 

Vereinfacht gesagt kannst du beim Gestalten erforschen - was ist die Emotion hinter deinem Gefühl?

Was hast du davon, deine Emotionen auszudrücken?

Kunsttherapie ermöglicht dir ohne Wertung zu erkennen, was jetzt ist. Sie bringt Klarheit und legt damit letztlich Energie wieder frei. Indem du etwas gestaltest, verdrängst du es nicht mehr, sondern akzeptierst bereits, was da ist – sonst könntest du es ja nicht erkennen in dem, was vor dir liegt. In der Kunsttherapie bekommst du den sicheren Rahmen und Raum, das Gefühl oder die Situation mit einer Kunsttherapeutin zu erforschen und weiter zu bearbeiten.

 

Aber auch das eigene Gestalten im Alleingang kann sehr förderlich sein. 

Das Ausdrücken von Emotionen

  • schafft Erleichterung
  • hilft, in Bewegung zu bleiben, anstatt zu blockieren
  • schafft Klarheit und Ordnung
  • macht Gefühle im Wortsinn be-greifbar
  • ermöglicht einen inneren Dialog
  • führt zur Auseinandersetzung anstatt zur Verdrängung

Auch wenn Verdrängung ein notwendiger Faktor im Leben ist – zu viel davon blockiert uns und bindet unsere Energie. Um uns vollständig, ganz und damit „heil“ zu fühlen, müssen wir uns mit unserem Licht UND unseren Schatten annehmen.

Soweit die Hintergründe, nun zur Praxis:

Ich möchte dir eine einfache Anleitung geben, mit der du ganz für dich allein versuchen kannst, Emotionen aufzuspüren und auszudrücken und dir so über deine momentanen Gefühle klar zu werden.

 

Such dir dafür einen Raum, in dem du dich sicher und entspannt fühlst. Sorg dafür, dass du eine halbe bis ganze Stunde Ruhe hast und nicht gestört wirst. Gönn dir diese Zeit für dich selbst!

 

Du brauchst dazu folgende Materialien:

  • Papier, am besten ein etwas festeres in Größe A3. Falls du das nicht hast, tut es auch ein gewöhnliches Blatt Kopierpapier.
  • Buntstifte, Kreiden oder Wasserfarben

Schritt für Schritt:

Nimm gemütlich Platz, schließe eventuell die Augen und nimm ein paar tiefe Atemzüge. Atme einige Male durch die Nase ein und durch den Mund aus. Versuch, dich ganz auf deinen Atem zu konzentrieren, ihn aber nicht zu beeinflussen, sondern einfach kommen und gehen zu lassen.
 
Nun spür in dich hinein. Geh in Kontakt mit dir. Wie fühlst du dich gerade in deinem Körper? Kannst du eine Empfindung besonders stark in dir wahrnehmen? Wie spürt sie sich an? Wo im Körper nimmst du sie wahr.
 
Falls du eine Empfindung identifizieren kannst – wunderbar, wenn nicht, ist das auch ok. Es kann sein, dass dir das anfänglich schwerfällt. Es kann sein, dass du zunächst „gar nichts“ spürst. Das ist normal, wir sind diese Achtsamkeit nicht gewöhnt und haben oft verlernt, in uns hinein zu spüren. Bleib dennoch eine Weile in dieser Aufmerksamkeit für deinen Körper und schau nach innen, einfach mit einer offenen Neugierde für das, was kommt.
 
Nach einigen Minuten, wenn du dafür bereit bist, beginn mit deiner Gestaltung. Welches Material fühlt sich momentan stimmig für dich an? Sprechen dich jetzt gerade die Stifte, die Kreiden oder die flüssigen Farben mehr an? Greif intuitiv zu dem Material, zu dem du dich in diesem Augenblick hingezogen fühlst.
 
Falls du eine Empfindung wahrgenommen hast: wenn diese eine Farbe, eine Form, eine Temperatur, eine Textur hätte, welche wäre das?
 
Drück dich auf Papier aus, indem du Farben, Formen und Linien verwendest.


Folge dabei deinem Bauchgefühl und deiner Intuition. Frag dich, was für dich stimmig ist und richte dich nicht auf ein Ergebnis aus. Versuch, kein „schönes“ Bild zu malen, sondern ein authentisches. 

Fragen zur Reflexion:

Nach deinem Gestaltungsprozess kannst du erforschen, was du gezeichnet oder gemalt hast. Nimm dazu ein Blatt Papier und einen Stift und versuch, Antworten auf folgende Fragen zu finden:

  • Wie sieht das Bild für dich aus? Beschreibe nur, was du siehst, ohne zu interpretieren. Das kann sein: „Ich sehe eine große gelbe runde Fläche“ oder „Da ist ein Gewirr aus bunten Linien“ oder „Unten im Bild ist eine kleine schwarze Form“.
  • Wie wirkt das Bild auf dich?
  • Welche Gefühle tauchen auf, wenn du es betrachtest?
  • Erinnert dich das Bild an etwas? Fällt dir eine Geschichte dazu ein? Welche Gedanken kommen dir?
  • Wie möchtest du deine Gestaltung abschließend benennen?

Ich hoffe, du kannst diese Übung genießen und dich darauf einlassen – auch wenn es zunächst vielleicht ungewohnt ist.

 

Wir neigen dazu, sehr im Verstand zu sein. Wenn wir jedoch mehr „aus dem Bauch“ heraus gestalten und unserer Intuition freien Lauf lassen, können wir auch zu bisher Unbewusstem Zugang bekommen und mehr über uns selbst erfahren. Wir lernen etwas darüber, was uns innerlich bewegt. Wir gestalten, um eine Möglichkeit zu bekommen, uns selbst auszudrücken, denn Wörter haben ein Limit, sie definieren etwas und engen damit ein, wohingegen das Gestalten weitet. 

 

Manchmal sind unsere Konflikte tiefgreifend und wir in unseren Handlungsmöglichkeiten so eingeschränkt, dass wir Unterstützung brauchen, um Schwierigkeiten zu überwinden. Wenn du allein anstehst und dir Begleitung wünscht, kontaktiere mich daher gerne für einen kunsttherapeutischen Prozess. Ich helfe dir dabei, dich frei und ohne Blockaden auszudrücken. Gemeinsam schauen wir, was sichtbar wurde und suchen Worte für das Erlebte und Entstandene. Wir finden heraus, welche Antworten du darin entdecken kannst und welche Möglichkeiten sich für dich daraus ergeben. 

 

 

Ich biete trotz Covid 19 und auch während des Lockdowns Kunsttherapie 1:1 mit ausreichenden Schutzmaßnahmen in meiner Praxis an, aber auch gerne online.

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