Der Baum als kraftvolles Bild und Ausdruck deiner inneren Dynamik

 

Die Bilder, die wir gestalten, sind Ausdruck unserer inneren Bilder. Wir drücken über sie aus, welche Vorstellungen wir von uns selbst, von unseren Beziehungen und von der Welt haben. Und noch etwas anderes geschieht während des Gestaltens: es spiegelt nicht nur unsere inneren Prozesse, sondern wir gestalten uns währenddessen auch selbst. Mit der Entwicklung eines Bildes entwickeln wir uns selbst weiter.  

 

Wenn wir unsere Bilder, die auf dem Papier Form und Farbe angenommen haben, betrachten, können wir Einblick in unser Inneres nehmen. Wie wirkt das Bild auf mich? Welche Gefühle entstehen in der Betrachtung? Welche Gedanken kommen mir? Woran erinnert mich das Bild? Wie war der Prozess des Gestaltens? Welche innere Dynamik ist zum Ausdruck gekommen? 

Umgekehrt können wir auch ein gutes, kraftvolles Bild betrachten und auf uns wirken lassen. Baumbilder haben oft eine solche stärkende und nährende Wirkung auf uns. Die Imagination eines gesunden und starken Baumes kann uns ermöglichen, mit unserer eigenen Kraft, unseren Wurzeln und unserem Wachstumspotenzial in Berührung zu kommen. 

 

Wir Menschen identifizieren uns seit Jahrtausenden mit dem Baum, wie uns Märchen, Mythen und Überlieferungen zeigen. Der Baum steht aufrecht und er wächst und stirbt wieder, genau wie wir. Viele anatomische Strukturen des Menschen erinnern an Strukturen des Baumes. Zum Beispiel die Synapsen im menschlichen Gehirn mit ihren vielen kleinen Verästelungen oder die Lungen und Bronchien. Wenn man die Form des Blutkreislaufs betrachtet, erinnert auch diese an die Form eines Baumes.  

 

Aufgrund seiner tiefen Verwurzelung im menschlichen Sein eignet sich der Baum ideal als Identifikationsobjekt und wird auch gerne mit Farben und Formen gestaltet. 

 

Ich möchte dich deshalb dazu einladen, folgenden Text langsam zu lesen. Er ist eine Imaginationsübung von Luise Reddemann. Üblicherweise hört man sie mit geschlossenen Augen an und lässt währenddessen Bilder in sich aufsteigen. 

 

Es ist aber auch möglich, den Text selbst zu lesen und auf sich wirken zu lassen. Ich habe ihn ein wenig abgeändert und angepasst. In ursprünglicher Form findest du ihn auf den Seiten 62 f. in Luise Reddemanns Buch “Imagination als heilsame Kraft” (Stuttgart 2001):

Stell dir eine Landschaft vor, in der du dich wohl fühlst und wo du dich gerne aufhältst. Das kann eine erfundene Landschaft sein, es muss keine real existierende sein, und stell dir irgendwo in dieser Landschaft einen Baum vor, zu dem du gerne hingehen möchtest, der dich vielleicht sogar anzieht... Und stell dir vor, dass du zu diesem Baum gehst und Kontakt mit ihm aufnimmst, indem du ihn vielleicht berührst oder ihn dir anschaust. Nimm seinen Stamm wahr, nimm den Geruch auf. Nimm dann wahr, wie der Stamm sich verzweigt. Die Blätter. Das alles registrierst du zunächst und nimmst Kontakt mit diesem Baum auf... Und wenn es für dich möglich ist, dann kannst du dir vorstellen, dass du dich an den Baum lehnst und ihn wirklich spürst... Und wenn dir die Vorstellung angenehm ist, dann kannst du dir vorstellen, dass du eins wirst mit dem Baum... Und dann kannst du als Baum erleben, was es heißt, Wurzeln zu haben, die sich in der Erde verzweigen, und von dort Nahrung in dich aufzunehmen. Erlebe es, Blätter zu haben, die das Sonnenlicht aufnehmen und umwandeln können. Wenn du nicht mit dem Baum verschmelzen willst, dann betrachte ihn einfach. Beschäftige dich damit, was es wohl für den Baum bedeutet, Wurzeln zu haben und Blätter, die das Sonnenlicht aufnehmen... Und dann beschäftige dich mit der Frage, womit du jetzt genährt werden möchtest, versorgt werden möchtest. Ist das körperliche Nahrung, Gefühlsnahrung, Nahrung für den Geist, für dein spirituelles Sein? Benenne das so genau, wie es dir möglich ist... Und wenn du eins bist mit dem Baum, dann stell dir vor, dass du von der Erde und von der Sonne diese gewünschte Nahrung erhältst. Und wenn du nicht mit dem Baum verschmolzen bist, kannst du dir trotzdem vorstellen, was es bedeutet, von der Sonne und von der Erde Nahrung zu bekommen, denn das ist auch bei uns Menschen so. Erlaube dir die Erfahrung, dass diese Nahrung jetzt zu dir kommt, von der Erde und der Sonne... Und spür dann, wie das, was du von der Sonne und der Erde bekommst, sich in dir verbindet... Und dass du dadurch wächst... Und dann löse dich wieder von deinem Baum... Und du kannst dir vornehmen, wenn du willst, dass du oft zu deinem Baum zurückkehrst, um mit seiner Hilfe zu erfahren, dass du mit allem, was du gerne hättest, genährt werden kannst. Verabschiede dich von ihm und bedanken dich bei ihm für seine Unterstützung... Komm dann mit der vollen Aufmerksamkeit zurück in den Raum. 

In dieser Imagination eines starken Baumes kannst du erleben, gut verwurzelt zu sein. Du kannst erfahren, wie es ist, von der Erde und der Sonne genährt zu werden und dabei Wind und Wetter standzuhalten. Wenn du noch weiter gehen möchtest, kannst du darüber nachdenken, dass du wie ein Baum einer ständigen Veränderung unterworfen bist. Du beugst dich im Wind und erkennst, dass manche Äste auch abfallen dürfen, damit die starken noch kräftiger werden. 

 

Einladung zu einer Gestaltung:

Wenn du möchtest, nimm dir nun etwa eine Stunde Zeit und lass dich auf folgende Gestaltungsaufgabe ein. Male den Baum, der vor deinem inneren Auge entstanden ist. Wähle dazu ein Material, das zu Hause hast und das dich jetzt gerade anspricht – das können Buntstifte, Kreiden, Wasserfarben oder Acrylfarben sein. Auch bei der Wahl der Papiergröße bleib spontan und intuitiv.  

 

Fragen zur Reflexion: 

Nach deinem Gestaltungsprozess kannst du erforschen, was du gezeichnet oder gemalt hast. Nimm dazu ein Blatt Papier und einen Stift und versuche, Antworten auf folgende Fragen zu finden: 

Wie sieht der Baum für dich aus? Beschreibe nur, ohne zu interpretieren.  

  • Wie groß oder klein ist der Baum?
  • Wie sehen seine Wurzeln aus? 
  • Wie stark ist sein Stamm?
  • Wie sieht die Krone aus? 
  • Wie breiten sich die Äste aus? 
  • Wie viel Raum hat dein Baum, um sich zu entfalten? 

Wie wirkt der Baum auf dich? 

  • Welche Gefühle tauchen auf, wenn du ihn betrachtest? 
  • Welche Gedanken kommen dir? Kommen Erinnerungen hoch? 
  • Wie ist gerade dein Körpergefühl?

Wie ist es dir während des Gestaltungsprozesses gegangen? 

 

Wenn du all diese Antworten hast – was möchtest du dir aus dem Prozess mitnehmen? 

 

Versuche, eine Benennung für deine Gestaltung zu finden – ein Wort oder ein kurzer Satz. 

 

 

Manchmal sind unsere Konflikte tiefgreifend und wir in unseren Handlungsmöglichkeiten so eingeschränkt, dass wir Unterstützung brauchen, um Schwierigkeiten zu überwinden. Wenn du allein anstehst und dir Begleitung wünscht, kontaktiere mich daher gerne für einen kunsttherapeutischen Prozess. Ich helfe dir dabei, dich frei und ohne Blockaden auszudrücken. Gemeinsam schauen wir, was sichtbar wurde und suchen Worte für das Erlebte und Entstandene. Wir finden heraus, welche Antworten du darin entdecken kannst und welche Möglichkeiten sich für dich daraus ergeben. 

 

Mein Blog soll dazu anregen, selbst zu gestalten und sich in kreativen Prozessen mit sich selbst zu verbinden. Die vorgestellten Übungen zur kreativen Selbsterfahrung sind nicht zu verwechseln mit Kunsttherapie. Kunsttherapie erfordert eine ausgebildete Kunsttherapeutin / einen ausgebildeten Kunsttherapeuten. 

 

 

 

Ich biete trotz Covid 19 und auch während des Lockdowns Kunsttherapie 1:1 mit ausreichenden Schutzmaßnahmen in meiner Praxis an, aber auch gerne online. 

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