Wie wir mit Kindern über ihre Bilder sprechen können

 

Wie reagierst du normalerweise, wenn ein Kind dir stolz sein selbst gemaltes Bild zeigt? Rufst du vielleicht  mit leuchtenden Augen "Oh, wie schön!" oder "Toll hast du das gemacht!"?  Sagst du möglicherweise "Dein Bild gefällt mir wirklich total gut!" oder auch "Wow! Was hast du denn da gemalt?"?

Warum all diese Reaktionen zwar gut gemeint, aber nicht unbedingt geeignet sind, freie Kreativität zu fördern, kannst du im folgenden Beitrag lesen. 

  

Die Frage, wie wir mit Menschen über ihre Bilder sprechen können, ist eine ganz zentrale in der Kunsttherapie. Im beruflichen Kontext beschäftigt sie mich daher schon lange. Ich möchte hier nun einige Überlegungen teilen, wie wir in unserem privaten Umfeld, als Mutter und Vater, Oma und Opa, Onkel und Tante oder eine andere enge Bezugsperson auf die Bilder von Kindern so reagieren können, dass Kreativität sich frei entfalten kann. 

Aus meiner kunsttherapeutischen Arbeit kenne ich sehr viele Menschen, die nach ihrer Schulzeit keinen Farbstift und keinen Pinsel mehr angerührt haben und von sich behaupten, "zwei linke Hände" zu haben und nicht kreativ zu sein. Warum ist das so? Was ist da in ihrer Kindheit und Jugend passiert, dass kreatives Gestalten nicht mehr mit Freude besetzt, sondern zu etwas geworden ist, worin man "nicht gut genug" ist?

 

Das Bedürfnis und die Fähigkeit, sich mit verschiedenen Materialien gestalterisch auszudrücken, ist in uns allen angelegt, da wir alle eine immense schöpferische Kraft in uns tragen. Und dennoch ist diese Kraft zunächst noch ein zartes Pflänzchen, das einen fruchtbaren Nährboden braucht und gepflegt werden möchte, um sich gut zu entwickeln. 

 

In unserem privaten Umfeld haben wir so viele Möglichkeiten, ein Kind in der Entfaltung seiner Kreativität zu unterstützen und in der Entwicklung der tiefen Überzeugung: Ich bin schöpferisch. Ich kann gestalten. Ich kann mich mit Farben und Formen ausdrücken - so wie es mir gefällt! 

 

Dabei ist es von großer Bedeutung, wie wir enge Bezugspersonen auf die künstlerischen Werke unserer Kinder reagieren. Ein ganz zentraler Punkt dabei ist, nicht zu werten. Das klingt einfach, ist es aber nicht. Wir sind es gewohnt, ständig zu werten. Das Wetter ist gut oder schlecht, ich habe gut oder schlecht geschlafen, der Film ist interessant oder auch nicht, das Buch spannend oder langweilig, die neue Frisur steht mir gut oder nicht usw. Diese Liste ließe sich endlos lange fortsetzen. Bewerten hat eine wichtige Funktion für uns, sie gibt uns Orientierung und schafft Struktur, aber sie behindert kreative Prozesse. 

 

Kreativität kann sich am besten entfalten, wenn sie frei von Bewertungen ist.   

Ich gebe zu, mir selbst immer noch manchmal auf die Zunge beißen zu müssen, um beim Anblick von selbst gemalten Bildern, die mir mit erwartungsvollem Blick gezeigt werden, nicht automatisch: „Oh, wie schön! Das hast du toll gemacht!“ zu sagen. 

Ja, aber warum wäre das denn so schlimm?, könnte man jetzt fragen. Es ist doch gut, das eigene Kind zu loben! Oder...?   

Lob und Tadel sind zwei Seiten derselben Medaille. 

 

Ich glaube, Lob muss man sehr differenziert betrachten. Was genau passiert, wenn ich lobe oder gelobt werde? 

 

Durch Lob entsteht, oftmals unbedacht und ungewollt, eine Hierarchie. Das Kind auf der einen Seite mit seinem Bild. Der Erwachsene auf der anderen Seite mit seiner Wertung. Wem das zu drastisch ist, der darf darüber nachdenken, wie oft Kinder ihre Eltern loben.

 

Noch wichtiger in unserem Zusammenhang erscheint mir aber, dass ein Kind, in dem eigentlich angelegt ist, sich kreativ auszudrücken, durch Lob von außen beginnt, sich von seiner intrinsischen Motivation bzw. seinem eigenen inneren schöpferischen Drang zu entfernen und seinen Fokus nach außen zu verlagern.

Der Wunsch, anderen zu gefallen, ist in fast allen von uns relativ stark ausgeprägt. Was wird also passieren? Das Kind wird versuchen, das nächste Mal wieder etwas zu gestalten, wofür es gelobt wird.  

  

Es bekommt ein immer besseres Gespür dafür, was anderen gefällt und gleichzeitig immer weniger Zugang dazu, in sich selbst hinein zu spüren, den eigenen Impulsen zu folgen und aus sich heraus zu gestalten. Es wird immer berechnender in seiner Kreativität und gleichzeitig immer unfreier und weniger experimentierfreudig.  

 

Kleiner Einwand: wer möchte, dass sein Kind „besser“ wird in bestimmten künstlerischen Techniken, möge es tatsächlich für gute Ergebnisse loben. Wer aber möchte, dass sein Kind seine Kreativität frei auslebt, ohne von außen gelenkt zu werden, sollte es möglichst vermeiden. 

  

Die Möglichkeit, gelobt zu werden, impliziert immer auch die Möglichkeit, nicht gelobt zu werden. Und fehlendes Lob ist nicht neutral, sondern im Kontext des Viel-gelobt-werdens das Gegenteil davon, nämlich das Fehlen von Anerkennung. Wie wahrscheinlich ist es, dass ein Kind, das für seine naturgetreuen Abbildungen von Blumen, Häusern und Prinzessinnen Anerkennung bekommt, einfach mal aus Lust und Laune Farben mischt und so lange aus reiner Freude damit herummatscht, bis das Blatt ganz braun ist? Denn das Ergebnis dieses Malprozesses, ein verschmiertes braunes Blatt, wird wahrscheinlich die hartgesottensten Eltern nicht mehr zu einem Ausruf der Begeisterung bewegen. Die diesmal ausbleibende positive Rückmeldung wird das Kind wahrscheinlich nicht motivieren, auch künftig seiner Kreativität ungebremsten Lauf lassen. Es wird wohl eher auf der sicheren Seite bleiben. 

 

Auch sehr interessant in unserem Zusammenhang ist die Erkenntnis wissenschaftlicher Studien, dass Menschen ihre intrinsische Motivation verlieren, wenn sie für etwas belohnt werden, das sie für sich selbst und von sich aus bisher gerne gemacht haben. Man hat festgestellt, dass Kinder, die bislang gerne gezeichnet haben und schließlich für jede Zeichnung einen kleinen Geldbetrag als Belohnung bekommen haben, letztlich damit aufgehört haben, weil sie die Freude daran völlig verloren haben.

Dem Prozess Aufmerksamkeit schenken

 

Was wäre nun aber eine hilfreiche Reaktion? Ein Kind hat lustvoll und spontan mit Farben gespielt, es hat seiner inneren Dynamik Ausdruck verliehen.

 

Wir könnten es danach fragen, welche Gefühle es dabei empfunden hat. Wie war das für dich? Wie geht's dir, wenn du dir das jetzt so ansiehst? Wir können fragen, welche Gedanken und Erinnerungen dabei gekommen sind. Wir können danach fragen, wie es war, mit diesem Material zu gestalten. Wie war es für dich, mit den Ölkreiden zu malen? Was macht die Wasserfarben für dich so besonders? Was magst du an den Buntstiften gerne? Hat dich etwas überrascht?

 

Wir müssen nicht loben, um zu motivieren. Motivieren wir durch echtes Interesse! 

 

Die Emotionen des Kindes ansprechen 

  

Wenn ein Kind in Zukunft zu mir läuft und mir freudestrahlend und erwartungsvoll sein Bild unter die Nase hält, könnte ich, statt reflexartig zu sagen: „Oh, das ist ja wunderschön!“, eine nicht wertende, aber sehr wertschätzende Alternative wählen: „Du hast eine Riesenfreude mit deinem Bild, stimmt’s?“ Mit dieser Reaktion urteile ich nicht über seine Schöpfung und nehme gleichzeitig das Kind in seiner Freude über seinen kreativen Selbstausdruck wahr. 

  

Erzähl mir die Geschichte dazu! 

  

Auch sehr hilfreich und wertschätzend ist es, sich die Geschichte dahinter erzählen zu lassen. Nicht im Sinn von Fragen wie „Was ist das denn? Was hast du denn da gemalt?“ – das kann von einem Kind so verstanden werden, dass das für ihn ganz Offensichtliche so gemalt ist, dass es für andere überhaupt nicht erkennbar ist. Besser ist es zu sagen: „Magst du mir etwas über dein Bild erzählen?“

 

Es kann ein Kind auch zum Erzählen animieren, wenn ich meine eigenen Beobachtungen teile. Also nicht interpretierend, sondern rein das Gegebene beschreibend, etwa „Da sehe ich ganz viel rosa.“, „In dieser Ecke ist ja viel los!“ oder „Da sind viele unterschiedliche Farben.“, auch „Da hast du lange im Kreis gemalt“. Ich erzähle damit dem Kind, was ich sehe, deute es aber nicht. Eine gelbe runde Form ist nicht automatisch eine Sonne. Lassen wir uns vom Kind selbst erzählen, was es ist. 

  

Wenn wir so, auf Augenhöhe, mit einem Kind über seine Bilder sprechen, lernt es, dass 

  • wir uns für die Geschichte interessieren, die es mit seinem Bild erzählt 
  • der Prozess wichtiger ist als das Endprodukt 
  • es sich ruhig trauen kann, neue Wege zu gehen 
  • es von der Bewertung anderer unabhängiger wird und sich selbst mehr vertraut 
  • eine Gestaltung ein Ausdruck seiner ganz eigenen Kreativität ist und daher nicht vergleichbar
  • ein Bild eine Möglichkeit ist, mit anderen in Kontakt zu treten und zu kommunizieren 

 

Zuletzt bleibt noch die grundsätzliche Frage, ob man überhaupt so viel sprechen muss, wenn ein Kind gestaltet hat. Häufig ist es so, dass ein Kind in Ruhe malt oder zeichnet, dann zu einem Erwachsenen geht und dieser beginnt, Fragen zu stellen. Wäre es nicht manchmal ausreichend, das Bild einfach aufmerksam in Stille zu betrachten? Echtes Interesse zu zeigen, indem man das Bild anschaut und auf sich wirken lässt. 

  

Bilder müssen nicht in Worte übersetzt werden. 

Bilder wirken auch ohne Worte.  

 

 

 

Manchmal sind unsere Konflikte tiefgreifend und wir in unseren Handlungsmöglichkeiten so eingeschränkt, dass wir Unterstützung brauchen, um Schwierigkeiten zu überwinden. Wenn du allein anstehst und dir Begleitung wünscht, kontaktiere mich daher gerne für einen kunsttherapeutischen Prozess. Ich helfe dir dabei, dich frei und ohne Blockaden auszudrücken. Gemeinsam schauen wir, was sichtbar wurde und suchen Worte für das Erlebte und Entstandene. Wir finden heraus, welche Antworten du darin entdecken kannst und welche Möglichkeiten sich für dich daraus ergeben. 

 

Auch wenn du dir vorstellen kannst, dass für dein Kind Kunsttherapie hilfreich sein könnte, kontaktiere mich gerne.

 

 

Mein Blog soll dazu anregen, selbst zu gestalten und sich in kreativen Prozessen mit sich selbst zu verbinden. Die vorgestellten Übungen zur kreativen Selbsterfahrung sind nicht zu verwechseln mit Kunsttherapie. Kunsttherapie erfordert eine ausgebildete Kunsttherapeutin / einen ausgebildeten Kunsttherapeuten. 

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