Fragen und Antworten rund um Kunsttherapie

Vor einigen Wochen bekam ich von der  Schülerin Rebecca Haslauer eine Anfrage. Für ihre vorwissenschaftliche Arbeit bat sie mich um Antworten auf ihre Fragen zur Kunsttherapie. Es handelt sich dabei um kluge Fragen, die einen sehr guten Überblick über die wichtigsten Fakten zur Kunsttherapie ermöglichen. Ich freue mich daher, das Interview mit ihrem Einverständnis und ein wenig überarbeiteten Antworten hier veröffentlichen zu dürfen:

Wie läuft eine für Sie typische Kunsttherapie-Sitzung ab?

Keine Kunsttherapie-Sitzung gleicht einer anderen, denn es ist sehr individuell, was Klient:innen brauchen und was förderlich ist.

 

Grundsätzlich versuche ich in einem anfänglichen Gespräch herauszufinden, was heute Thema ist, wie die Person heute da ist, was sie beschäftigt und was sie bearbeiten möchte. Auch ist wichtig, was aus der vergangenen Sitzung auf welche Weise nachgewirkt hat. Zudem schauen wir, wo im laufenden Prozess wir uns gerade befinden.

 

Daraus ergibt sich die Gestaltungsphase, in welcher die Klientin oder der Klient sich über das Malen, Zeichnen und Formen mit einem zur Thematik stimmig erscheinenden Material ausdrückt. Die Klientin sucht dabei den Kontakt mit sich und versucht, spontan den eigenen Impulsen zu folgen und so das zuvor im Gespräch eingegrenzte Thema in Farben und Formen zu gestalten und zu erforschen. Wir lassen nun "den Körper sprechen". Diese Phase erfolgt oft in Stille und wird von mir achtsam begleitet.

 

Darauf folgt die dritte Phase, in der wir gemeinsam die entstandene Gestaltung betrachten und darüber reflektieren. Eine Gestaltung enthält immer sowohl bewusste als auch unbewusste Anteile. Ich interpretiere nicht, sondern begleite meine Klientin auf ihrer Entdeckungsreise: Wie war der Prozess? Was hat sich gezeigt? Welche Empfindungen, Gefühle und Gedanken sind aufgetaucht? Was löst die Gestaltung in der Klientin aus? Was hat das mit dem anfänglichen Thema zu tun? Wie kann das Erfahrene und Erkannte in den Alltag integriert werden?

 

Was ist Ihre bevorzugte Methode / Anwendungsart in der Kunsttherapie?

Ich biete verschiede Materialien an, wobei ich meine Klient:innen einlade, das Material zu wählen, das ihnen stimmig erscheint bzw. sie in diesem Moment anspricht. In manchen Fällen schlage ich ein Material vor, etwa Ton, wenn ich wahrnehme, dass dieses für den therapeutischen Prozess besonders förderlich ist.

 

Ich gebe inhaltlich kein Thema vor, sondern wir nähern uns einem möglichen Thema zuvor gemeinsam im Gespräch an und grenzen es ein. Der Gestaltungsprozess macht dann, davon ausgehend, etwas ganz Eigenes sichtbar, da er mehr Tiefung ermöglicht als das Gespräch und auch Aspekte enthält, die (noch) nicht in Worte zu fassen sind.

 

Mir ist wichtig, leiborientiert zu arbeiten, das bedeutet, auch die körperlichen Empfindungen immer wieder einzubeziehen, in dem ich danach frage: was löste der Gestaltungsprozess für Körperempfindungen aus, was spürst du jetzt im Betrachten deiner Gestaltung? Wo kannst du dieses Gefühl im Körper verorten und wie spürst du es dort? Das hilft sehr dabei, sich als Ganzes, als die Welt mit allen Sinnen erlebende Einheit wahrzunehmen. Viele Menschen leiden darunter, sich von ihrem Körper abgeschnitten zu fühlen und zu sehr "im Kopf zu sein". Kunsttherapie kann sehr helfen, sich wieder stärker "ganz" zu fühlen: als Mensch, der sich selbst und die Welt leiblich mit allen Sinnen erfährt und sich selbst im Gestalten leiblich ausdrückt.  

 

Mit welchen Beschwerden kommen die Klient:innen zu Ihnen?

Die Beweggründe sind sehr vielfältig. Es ist immer ein gewisser Leidensdruck da, der einen Wunsch zur Veränderung auslöst. Es kann sich um den Wunsch nach persönlicher Weiterentwicklung handeln, es können jedoch auch belastende Krankheitsbilder wie etwa eine Angsterkrankung, Depression, Essstörung oder Persönlichkeitsstörung den Wunsch nach kunsttherapeutischer Begleitung bewirken.

 

Im Fall einer krankheitswertigen Störung ist die Kunsttherapie eine komplementäre Therapieform, welche in Ergänzung zur Psychotherapie und/oder psychiatrischer Behandlung zur Anwendung kommt.

 

Wie finden die Klient:innen zur Kunsttherapie?

Manche Klient:innen haben aufgrund eines stationären Aufenthalts bereits Erfahrungen mit Kunsttherapie  gemacht, manchen wird Kunsttherapie im Zuge einer Psychotherapie empfohlen, um weitere Möglichkeiten des Ausdrucks und der Bearbeitung zu nützen; wiederum andere kennen Kunsttherapie aus Gesprächen mit Bekannten und wollen diese Therapieform ausprobieren. Konkret finden mich meine Klient:innen meistens über die Internetrecherche oder über eine persönliche Empfehlung.

 

Wem ist Kunsttherapie zu empfehlen?

Ich empfehle Kunsttherapie allen Menschen, welche den Wunsch, die Bereitschaft und die Neugierde haben, sich auf diese Therapieform einzulassen, welche neben dem Gespräch den gestalterischen Ausdruck ermöglicht und so weitere Ebenen des Erlebens, Erfassens, Verstehens und der Integration eröffnet.

 

Es ist absolut nicht notwendig, künstlerische Vorkenntnisse zu haben. In der Kunsttherapie verwenden wir die Materialien ausschließlich, um uns selbst zu spüren und auszudrücken und nicht mit dem Ziel, schöne Bilder zu schaffen.

 

Inwiefern wirkt sich Kunsttherapie auf den Alltag der Klient:innen aus?

Zunächst einmal ist es meist entlastend, die eigene Problematik, wegen der man sich in Therapie begeben hat, zu bearbeiten und hierbei einfühlsam begleitet zu werden; also zu erfahren: ich kann mir Hilfe suchen, ich werde unterstützt, ich werde verstanden, es verändert sich etwas.

 

Zudem werden in der Kunsttherapie neue Perspektiven eröffnet und Erkenntnisse gewonnen, die den Klient:innen helfen, sich aus ihren Verstrickungen allmählich zu lösen und alternative Weisen des Handelns, Fühlens und Denkens zu entwickeln.

 

Oft wird die heilsame Erfahrung gemacht: ich kann selbst gestalten, ich kann selbst etwas bewirken, ich bin aktiv, ich kann beeinflussen, ich bin schöpferisch – all das kommt den Klient:innen im Alltag zugute, denn dieses (Wieder-)entdecken der eigenen Gestaltungskraft ist genau das, was sie benötigen, um ihre Themen zu bearbeiten und wieder aktiv in ihr eigenes Leben einzugreifen.

 

Inwiefern wirkt sich Kunsttherapie auf das Krankheitsbild der Klient:innen aus?

Diese Frage ist sehr komplex und nicht einfach zu beantworten. Allgemeines dazu habe ich oben bereits erwähnt.

Es hängt vom jeweiligen Krankheitsbild und vielen weiteren Faktoren ab, was Kunsttherapie verändert. Ein Krankheitsbild kommt ja nie alleine daher, sondern ist Ausdruck des Leidens eines Menschen in all seiner Komplexität.

 

Dennoch könnte man Folgendes andenken:

Bei einer Depression etwa kann die Erfahrung zentral sein, über das Gestalten wieder in Bewegung zu kommen, und sei es nur mit einem ersten kleinen Strich auf dem Papier.

Bei einer Störung aus dem Autismusspektrum kann im Zentrum stehen, über das Gestalten auf eine Weise in Beziehung zu treten mit einem anderen Menschen und die Problematik der Neurodiversität zu bearbeiten.

Im Suchtbereich geht es darum, sich nach einem Entzug wieder neu auszurichten, über das sinnliche Erleben wieder Sinn zu erfahren, sich wieder achtsam zu spüren und die eigenen Wünsche, Konflikte, Bedürfnisse wahrzunehmen, statt sie über den Konsum zu verdrängen.

 

Es hängt also immer stark vom Einzelfall ab. Generell kann Kunsttherapie Leiden lindern und manchmal auch heilen. Auf jeden Fall führt sie zu mehr Selbstwirksamkeit und fördert die Fähigkeit, die eigenen Probleme aktiv zu bearbeiten und konstruktiv mit den eigenen Herausforderungen umzugehen.

 

Welche Probleme können während der Therapie aufkommen?

Ein erstes Hindernis kann sein, dass man sich selbst stark bewertet und denkt, die eigenen Fähigkeiten würden nicht ausreichen, im Sinne von: Ich habe zwei linke Hände, ich kann nicht malen etc. Diese Hürde ist immer schnell geschafft, in dem ich sorgfältig erkläre, worum es in der Kunsttherapie geht und worum eben nicht.

 

Es kann dennoch im weiteren Verlauf herausfordernd bleiben, aus dem inneren Erleben heraus zu gestalten und einen stimmigen Ausdruck zu finden. Generell führt ja oft ein mangelhafter Kontakt zu sich selbst, den eigenen Wünschen, Bedürfnissen, Empfindungen, Gefühlen usw. dazu, dass jemand aus der inneren Balance und in die Kunsttherapie kommt. Diese Verbindung mit sich selbst zu suchen und zu stärken kann immer wieder schwierig sein.

 

Generell kann es in jeder Therapie Phasen der Symptomverschlechterung geben. Zwischenmenschliche Beziehungen können sich verändern und auch zu beruflichen Veränderungen kann es kommen. Wenn man sich persönlich weiterentwickelt, erwachsen daraus oft Veränderungen in verschiedenen Lebensbereichen, welche herausfordernd sein können, sowohl für sich selbst als auch für das Umfeld.

 

Was ist das Schönste am Beruf "Kunsttherapeutin"?

Ich finde immer wieder von Neuem wunderschön, was entsteht, sobald Menschen den Rahmen und die Begleitung bekommen, jenseits aller Wertungen ihre eigene Ausdruckskraft zu nützen, um Bilder entstehen zu lassen, die ihrem Inneren entspringen. Diese Entstehungsprozesse erlebe ich oftmals als geradezu magisch, denn sie sind erfüllt von einer ganz besonderen Schönheit - einer Schönheit, die nicht einem künstlerischen Können entspringt, sondern dem unverstellten wahren gestalterischen Ausdruck seiner selbst. 

 

 

Manchmal sind unsere Konflikte tiefgreifend und wir in unseren Handlungsmöglichkeiten so eingeschränkt, dass wir Unterstützung brauchen, um Schwierigkeiten zu überwinden. Wenn du allein anstehst und dir Begleitung wünscht, kontaktiere mich daher gerne für einen kunsttherapeutischen Prozess. Ich helfe dir dabei, dich frei und ohne Blockaden auszudrücken. Gemeinsam schauen wir, was sichtbar wurde und suchen Worte für das Erlebte und Entstandene. Wir finden heraus, welche Antworten du darin entdecken kannst und welche Möglichkeiten sich für dich daraus ergeben. 

 

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